Diaschau
 








Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt.
(Phil 2,13)

Am Nachmittag des 7. August 2009 rief der Auferstandene Herr unsere
Schwester Maria Agnes Rosa Kunz
im hohen Alter von 103 Jahren, im 79. Jahr ihrer monastischen Profess, zu sich.

Rosa Kunz wurde am 23. Februar 1906 in Hundheim (Kreis Bernkastel-Kues) als Jüngstes von sechs Kindern des Ehepaares Jakob und Maria Kunz (geb. Bauer) geboren. Ihr Vater, von Beruf Schäfer, starb kurz vor ihrer Geburt. Mit elf Jahren verlor sie auch ihre Mutter. Nach deren Tod wurden die Geschwister an verschiedenen Orten untergebracht, wobei Rosa von einem kinderlosen Ehepaar aufgenommen wurde, auf dessen Bauernhof sie nun mithalf.

Rosa litt sehr unter dem Verlust der Mutter und der Trennung von den Geschwistern. Kaum hatte sie die Volksschule beendet, verließ sie den Bauernhof und zog zu ihrer älteren Schwester Elisabeth, die in Morbach im Krankenhaus der Waldbreitbacher Franziskanerinnen arbeitete. Sie blieb acht Jahre in Morbach, wo sie bei der Verpflegung der Patienten mithalf und die Krankenzimmer putzte.

In Morbach lernte sie wohl auch zum ersten Mal das Ordensleben näher kennen. Sie vernahm in ihrem Herzen den Wunsch, sich dem Herrn zu weihen. Aber ihre starke Neigung zum Gebet und ihre Freude an Tieren, Pflanzen und Erde ließen sie eher an ein kontemplatives Kloster mit Landwirtschaft denken als an einen Krankenpflegeorden.

Durch eine Bekannte erfuhr sie von unserem Kloster. Oft und gern hat sie zeitlebens erzählt, wie es war, als sie 1928 bat, ins Kloster eintreten zu dürfen. Damals fragte die Novizenmeisterin ihre neue Kandidatin besorgt - wohl im Hinblick auf ihre extreme körperliche Kleinheit und ihr kindliches Herz, vielleicht auch auf ihr recht selbständiges Wesen -, ob sie das Leben im Kloster denn durchhalten würde. Die Antwort, die das aufgeweckte Mädchen gab, zitierte die spätere Sr. Agnes noch oft bis ins hohe Alter: „Ob ich es aushalte oder nicht, das wollen wir der göttlichen Vorsehung überlassen. Der das Wollen gibt, der gibt auch das Vollbringen.“ Und fügte als Hochbetagte schelmisch lächelnd hinzu: „Buchstäblich ist es so gekommen!“

Bei der Einkleidung 1929 erhielt sie den Namen Sr. Maria Agnes von den heiligen Engeln. Am 19. Oktober 1930 legte sie die Erste Profess ab, drei Jahre später die Feierliche Profess. Sie wurde schon bald im Hühnerstall eingesetzt, eine Arbeit, die sie sehr gern tat. Als der Hühnerstall abgeschafft wurde, half sie in der Buchbinderei und auf dem Feld mit und versorgte hingebungsvoll die Katzen, bis ihre Altersbeschwerden dies nicht mehr zuließen.

Sr. Agnes gehörte lange Zeit eher zu den Stillen im Lande, die zunächst kaum auffallen – es sei denn durch ihre Kleinheit - , die dann aber unerwartet jeden zum Staunen bringen können. Sie selbst verglich sich gern mit Zachäus, dem „Dreikäsehoch“, wie sie sagte, der keinen anderen Wunsch hatte als Jesus zu sehen und dafür auf einen Baum stieg. Als ihren „Baum“, von dem aus sie sich Jesus in die Arme warf, sah sie das Kloster an.

Ihre Frömmigkeit war dabei erdverbunden und schlicht, wobei sie eine große Verehrung für die Passion Jesu hatte und oft sehr bewegt war, wenn sie an seine Leiden dachte. Auch Leiden anderer Menschen oder Ereignisse, die sie in der Zeitung las, beschäftigten sie oft über lange Zeit. Dabei war sie alles andere als melancholisch.

Sie liebte alles, was bunt war und sich bewegte, was wuchs und glänzte. Viele Dinge, die andere kaum beachten, konnten sie entzücken - ob es ein Blumenstrauß war oder etwas so banales wie ein kleines Stück buntes Papier. Aus allem konnte sie etwas anfangen, ließ ihrer Kreativität freien Lauf – und sammelte gern. Aber nicht nur Materielles. Ihr Gedächtnis hatte eine erstaunliche Fähigkeit, eine Unmenge an Gedichten, Sprüchen und Gebetstexten zu speichern und immer wieder aufzusagen.

Als sie bereits ein Jahrhundert zählte, überraschte sie uns noch mit immer mehr für uns neuen Gedichten aus den Tiefen ihres Gedächtnisspeichers, die sie als Schulkind aus ihrem Lesebuch gelernt hatte. Auch ihre Freude am spontanen Reimen war schier unerschöpflich; beinahe jedes Alltagswort reizte sie zum Reimen, und sie genoss es, wenn ihre Zuhörer darüber staunten

„Der das Wollen gibt, der gibt auch das Vollbringen.“ Davon war Sr. Agnes überzeugt. Diese Gewissheit prägte ihr ganzes Ordensleben, ihre ganz eigene Gottesbeziehung. Sie strahlte oft eine tiefe Geborgenheit in Gott aus, die durch ihre Kleinheit, ihren kindlichen Charme und vor allem ihr bezauberndes Lächeln nach außen hin noch unterstrichen wurde, die aber bei ihrem energischen Temperament auch nicht immer unangefochten blieb.

.Ihr tiefes Urvertrauen und eine ihr ganz eigene kindliche Zuversicht siegten immer wieder über die Anfechtungen und ließen sie innerlich wachsen, während ihre körperlichen Kräfte nachließen. Ihre innere Kraft schöpfte sie aus dem immerwährenden Gebet, das sie vor allem in der letzten Zeit fast nicht mehr losließ.

Als ihre Stunde kam, es war die Zeit der Vesper, tat sie still und ohne jeden Kampf ihren letzten Atemzug, während wir in der Kapelle gerade das „Gloria Patri“ sangen. Nun darf sie sich am Lebendigen selber, an der Schönheit des Dreifaltigen Gottes, an der ganzen Buntheit und Vielfalt des Himmels unendlich freuen und ihre Lieben endlich wiedersehen.

Um ein Gedenken im Gebet bitten
Priorin und Konvent
Benediktinerinnen vom Hlst. Sakrament, Kloster Bethanien, Trier-Kürenz

Requiem und Beerdigung am Mittwoch, dem 12. August, um 14.00 h.