MENSCH NACHBAR

Erschienen am 19.07.2014 im Wedel-Schulauer Tageblatt und weiteren Zeitungen des Beig Verlages

WEDEL. Die 18 und Hamburg haben das Leben von Jonathan Böttcher geprägt. 18 Jahre lebte er in der Nähe der Kaiserstadt Goslar im Harzer Vorland. Nach einem Jahr in Indien folgten 18 Jahre in Würzburg und 18 Jahre in Heppenheim. „Folgen jetzt 18 Jahre Wedel?“, fragt sich der Sänger, Texter und Musiker. Seit gut 15 Monaten lebt der 55-Jährige in Wedel: „Es ist eine schöne Stadt und ich fühle mich richtig wohl.“

„L'Amore! Die Liebe“, nennt Böttcher den Grund für den Umzug in den Norden. Seine Augen strahlen dabei. Eine Herzensentscheidung, die er deutlich erkennbar nicht bereut. Derzeit sei er noch dabei die Stadt zu erkunden. Seine Lieblingsorte hat er schon gefunden. Die Felder hinter der Moorwegsiedlung und die Elbe, wo er mit Familienhund Momo regelmäßig spazieren geht. Am Besten: sein Zuhause.

Das verwundert nicht. 30.000 bis 60.000 Kilometer pro Jahr ist er im Auto unterwegs. Zwischen 120 und 220 Konzerten spielt er. Für Kinder und Erwachsene. „Viele, die mich von Kinderkonzerten kennen, wissen gar nicht, dass ich Erwachsenenmusik mache“, räumt Böttcher ein. In diesem Jahr sei das Verhältnis zwischen den Konzerten ausgeglichen. Über 3.800 Konzerte hat er während seiner Karriere gespielt. Alle dokumentiert. Festgehalten auf mehr als 10.000 Tagebuchseiten. „Da kommt der Kaufmannssohn durch“, gesteht Böttcher lachend.

Davon war er in seiner Jugend weit entfernt. Mit zwölf Jahren spielte er erstmals Gitarre. Mit 18 schmiss er seine Ausbildung zum Physiklaboranten und setze alles auf eine Karte: Musik. Hier kommt erstmals Hamburg ins Spiel. Pfingsten 1976 hatte er seinen ersten Auftritt. Auf der Mönkebergstraße. Coversongs sind sein täglich Brot – und die zahlenden Passanten. „Ich habe quasi nicht im System existiert“, erinnert sich der Musiker. Personalausweis seit Jahren abgelaufen. Keine Krankenversicherung. Wohnen in WGs und auf der Straße.

Jonathan Böttcher

Mit 21 ist es wieder Hamburg, wo sein Leben sich verändert. „Ich habe keinen Sinn mehr in meinem Leben gesehen“, gesteht Böttcher. In diesem Moment sei ein Freund vorbeigekommen und sagte: „Lass uns einen Kaffee trinken.“ Ein magischer Moment für den Musiker. „Gott hat mir einen Menschen geschickt, der mich gerettet hat“, ist sich der Musiker sicher. Er widmet sich dem christlichen Glauben und lernt seit 30 Jahren das neue Testament auswendig. Er beschäftigt sich intensiv mit Jesus, den er als seinen Meister bezeichnet, stellt sich theologischen Fragen. „Er ist eine tolle Persönlichkeit“, sagt Böttcher. Wenn er über seinen Glauben und Christus spricht, leuchten seine Augen. Er ist sich sicher: „Ich war damals auf der Suche nach Gott, aber dieser muss einen finden.“

Fortan widmet sich Böttcher der christlichen Musik. Dabei spielt Jesus eine wichtige Rolle. „Ich hätte gar nicht gewusst, worüber ich hätte singen sollen“, gesteht Böttcher. Namentlich taucht der Gottessohn aber nur selten in seinen Songs auf. Eher symbolisch: „Er steht für Lebensbejahung“, so Böttcher, für den Christsein bedeutet, andere Menschen zu akzeptieren und zu respektieren. Er wurde evangelisch getauft. Doch das ist ihm nicht wichtig. „Es ist vollkommen egal, zu welcher Gemeinde man gehört. Wichtig ist, wo man selbst steht und wie man mit anderen Menschen umgeht.“

Seine autodidaktisch erlernten Gitarrenkenntnisse erweitert er ab seinem 26. Lebensjahr mit einer Ausbildung für klassische Gitarre beim Gitarristen und Pädagogen Johannes Tappert. Musikalisch hat er Reinhard Mey als Vorbild für sich entdeckt. Es ist wichtig, auch im Alter Vorbilder zu haben – lebende. „Wenn mich jemand mit Reinhard Mey vergleicht, ist es für mich das größte Kompliment“, gesteht Böttcher.

Zwischen 1988 und 1992 veröffentlicht Böttcher zusammen mit dem franko-spanischen Musiker Laurent Quirós drei CDs, die zu den meistverkauften Alben christlicher Musik in Deutschland zählen. „Ich hätte mehr Geld verdienen können“, ist sich Böttcher sicher. In seinem Blick scheint kurz Wehmut aufzublitzen. Sehr kurz, denn er kennt die Schattenseiten: „Der Preis des Erfolges ist der Verlust der Anonymität.“ Er hat seinen Frieden geschlossen. Mit dem Leben. Mit Gott. Und seinem Beruf. So scheint es.

Derzeit arbeitet er an zwei neuen Alben. Sein nächstes Kinderliederalbum soll im Herbst 2015 erscheinen. Danach ein Songalbum für Erwachsene. Zudem arbeite er an einem Oster-Werk. „Das wird aber nicht vor 2016 fertig.“ Bis dahin werden noch einige Konzerte gespielt. Denn sein Ziel hat Böttcher klar formuliert: „Ich möchte 5.000 Konzerte spielen.“ Wieder strahlen seine Augen. Das 4.000ste Konzert wolle er zelebrieren. Schaut man sich seinen Terminkalender an, dürfte das im kommenden Jahr sein.

Nervös sei er vor Konzerten selten. Vor Kinderkonzerten nie, da er viel Bühnenerfahrung habe. Anders sehe es aus, wenn er ein neues Programm vorstelle. Und wenn die Familie anwesend ist. Am 31. August dürfte sein Herz besonders schnell schlagen. Dann wird er mit seiner Frau zusammen auf der Bühne stehen. In der Baptistenkirche in Wedel.

Bastian Fröhlig, Beig Verlag

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